„Ich freue mich am meisten, wenn sich andere mit mir freuen.“

Hobby-Motorradrennfahrer Robert Liebfart aus Eichenried bei München hat sich seinen Traum erfüllt. In einem Interview gibt der Gesamtdritte im BMW Boxercup 2016 Einblicke in ein Rennwochenende.

Wir treffen Robert ‚robbox’ Liebfart beim Aufräumen, Putzen und Einwintern – seines Motorrades. Vor wenigen Wochen endete für den 49-jährigen Eichenrieder die Motorradsaison 2016 – seine achte mittlerweile auf der Rennstrecke. Der gebürtige Österreicher aus Scheifling in der Steiermark bekommt beides unter einen Hut: einen Fulltime-Job als Inhaber eines Ingenieurbüros für Industriedienstleistungen und mehr als ein Dutzend Rennen an sieben Wochenenden auf Rennstrecken in Deutschland, Österreich, Ungarn, Tschechien, Slowakei und Kroatien im Rahmen des BMW Boxercup. Ein Interview zur Saison 2016 wie ein Rennwochenende.

Renn-Vorbereitung
„Donnerstags geht es meist los. Viele Routinegriffe machen es leicht. Alles liegt an seinem angestammten Platz. Stiefel und Lederkombi sind im Keller, Motorrad mit allem notwendigen Equipment wie Montageständer, Reifenwärmer, Reifen, Werkzeuge, etc. in der Garage. Und ab geht’s über hunderte von Kilometer bis zur Rennstrecke. Spannung und Vorfreude baut sich langsam auf. Dann endlich angekommen, jetzt ist für mich Rennwochenende. Box einrichten, die Racing-Kollegen treffen, erste ‚Benzin’-Gespräche, dann ist der Kopf frei.“

Freies Training
„Das freie Training auf dem Slovakiaring war sehr besonders. Ein Abriss der Kardanwelle schon im ersten Trainingsturn, das Rennwochenende im Grunde damit vorbei. Mein Glück war das Pech von Frank, dessen Maschine einen kapitalen Kupplungsschaden hatte. So lieh er mir seine Kardanwelle, flugs mit Hilfe von Josef eingebaut und alles klar fürs erste Rennen und Platz 2. Abends ging die Welle wieder retour in Franks Maschine. Über Nacht kam eine in der Zwischenzeit organsierte Welle über Firma Logex (danke, Gerhard!) aus Tirol, und so war auch Rennen 2 gesichert – Start von ganz hinten ohne Qualifying-Zeit, dennoch wieder Platz 2! Das waren insgesamt 40 Punkte, die mich am Ende in der Gesamtwertung auf den dritten Platz brachten. Und das ist sensationell: bei allem Wettbewerbsgedanken und durchaus hart geführten Zweikämpfen, herrscht Kollegialität, Hilfsbereitschaft und grenzenlose Unterstützung. Bis das Visier zugeklappt wird.“

Qualifying
„Neben meinem Beruf bekomme ich kaum spezielle Motorradtrainings unter, und so muss jedes Rennwochenende zugleich als Training herhalten. Umso mehr freut mich das letzte Qualifying der Saison auf dem Hungaroring. Zweiter Platz mit nur wenigen Zehntel Sekunden hinter dem Polesetter Klaus Hesslinger und vor dem Gesamtsieger des BMW Boxercup 2016 Bernd Reichhuber. Das hat meine aufsteigende Form noch einmal unterstrichen, denn in den Veranstaltungen zuvor war ich um die zwei, drei Sekungen langsamer als das Spitzenfeld. Und Sekunden sind im Motorsport eine Welt!“

Start
„In dem Moment geht es nur mehr um das Wesentliche. Visier zu, Gang rein, Drehzahl hoch, Druckpunkt der Kupplung finden – Ampeln aus und los! Der irre Sound, der Geruch von verbrannten Sprit und Gummi, Blick nach vorne, Gänge ausdrehe, sauber hochschalten… wo ist die Lücke… deswegen mache ich das!

Erste Kurve
„Jetzt gilt es. Den Blick für die Lücke und rein! Dieses aufregende und betörende Gefühl, wenn der Knieschleifer die Strecke berührt. Jetzt schließt sich das System, Fahrer und Motorrad sind eins und ziehen eine saubere Linie. Training war gestern, now it’s racing!“

Strategie
„In unseren Sprintrennen – maximal 10 Runden – ist das nicht so relevant. Da gibt’s nur die Vollgas-Strategie. Langstreckenrennen sind da ein ganz anderes Thema. Heuer am Hungaroring mit Bruno: wir fahren abwechselnd im Zweier-Team. Bleibst Du lange draußen, sparst Du einen Boxenstopp und gewinnst Zeit. So waren wir im Rennen nach 2 Stunden knapp 3 Sekunden vor einem Team, das deutlich schnellere Rundenzeiten fahren konnte.“

Unvorhergesehenes
„Wieder Langstrecke, diesmal in Brünn mit meinem Scrambler-Teamchef ‚Cipo’, kurz vor dem Fahrerwechsel stürzte Cipo so schwer, dass er mit einer Schulterverletzung und irreparablem Motorrad nicht weiterfahren konnte. Ende Gelände, keine Punkte – aber das ist angesichts einer Verletzung, die sich als sehr langwierig herausstellte, absolut nebensächlich.“

Nicht immer eitel Sonnenschein
„Im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Wetter ist wohl eine der unsichersten Komponenten an so einem Rennwochenende. Regen. Oder doch nicht? Als selbstfinanzierter Hobbyfahrer fehlen natürlich Teamstrategen und Mechaniker, die einem die Arbeit abnehmen. 15 Minuten vor dem Start noch schnell Räder wechseln stört die Konzentration dann doch. Ich bin alles selber, Fahrer, Mechaniker, Wetterfrosch, Versorger, Entscheider. Muss ich halt mit mir selber schimpfen, wenn’s schief geht!“

Zieldurchlauf
„Der schönste Zieldurchlauf war heuer im Regen vom Spielberg mit dem dritten Platz. Vor mir Klaus Holzer, Kai-Uwe ‚Bubi’ Lenzer und Frank Hoffmann – alles Top-Fahrer. Klaus stieg in der ersten Runde mit einem Highsider ab – Gott sei Dank nichts Schlimmes passiert. Kai-Uwe und Frank vorne weg. Nach hinten hab ich Luft – alles gut, aber fad. Aber mit jeder Runde fasste ich mehr Vertrauen in die Strecke und konnte immer weiter aufschließen. Im Grunde auf zwei Uneinholbare! Obwohl die restliche Rennzeit nicht für mehr gereicht hat, war es ein geiles Gefühl nach der Zieldurchfahrt. Rennen gut und gesund überstanden, in absoluter Schlagdistanz zu zwei Top-Fahrern bei absolut widrigen und fordernden Umständen – und noch dazu mit der schnellsten Rennrunde!“

Sponsoring
„Wenn wenig Schäden passieren, komme ich übers Jahr mit einem vierstelligen Betrag aus. Aber ich freue mich sehr, dass ich mit der Firma Buchen Umweltservice einen vertrauensvollen Partner habe, der meine Motorsportkarriere fördert. Selbstverständlich haben Sponsoren immer etwas von Ihrem Engagement: Werbeflächen, Kunden an der Rennstrecke, allgemeiner Zugang zum Motorsport. Einen Blick hinter die Kulissen zu erhalten ist schon besonders. Ich pflege ein enges Verhältnis zu meinen Sponsoren. Neue sind natürlich immer willkommen.“

Podium
„Es ist immer ein tolles Gefühl, auf dem Podium zu stehen, eine Auszeichnung für die sportliche Leistung. Ich freue mich am meisten, wenn sich andere mit mir freuen, wenn ich die Anerkennung von Rennkollegen, Freunden und Publikum erfahre. Noch dazu, weil ich kein Motorrad aus der aktuellen Serie fahre, sondern eine BMW R1200S, die seit 2008 nicht mehr gebaut wird. Das Nachfolgemodell BMW HP2 Sport hat mehr Leistung und ist eine deutliche Weiterentwicklung in Richtung Sportmotorrad.“

Saison-Vorbereitung
„Aktuell überwiegen noch die Erinnerungen an die Saison 2016, aber ich bin schon gespannt, welche Rennstrecken der Kalender 2017 aufweisen wird. Der Red Bull Ring ist schon allein aufgrund meiner Herkunft und der Top-Infrastruktur eine meiner Lieblingsstrecken. Der Hungaroring als echte Fahrerstrecke liegt mir auch gut, hoffentlich fährt unser BMW Boxercup auch im nächsten Jahr dort. Und Brünn ist natürlich super, hier fährt man auch auf den Spuren von Rossi, Lorenzo und Marquez. Valentino ist übrigens mein Favorit, weil er über einen sehr langen Zeitraum und Klassen-übergreifend vorne mit dabei ist und mit seinen mittlerweile knapp 40 Jahren es den Jungen immer noch zeigt. Irgendwann will ich auch mal in Assen fahren, was als die Kathedrale des Motorradsports gilt. Derr Hammer schlechthin wäre aber Laguna Seca mit der ‚Cork Screw’, da schießt schon beim Zuschauen das Adrenalin ein.“

Robert, vielen Dank für das ausführliche Gespräch. Wir halten unsere Leser natürlich auf dem Laufenden, zu welchen Rennstrecken wir Dich nächstes Jahr wieder begleiten dürfen. Vielleicht ja in den Niederlanden.

Der Rennkalender 2016 von robbox #67:
23./24. April 2016 – Pannonia Ring (HU) – 3. Platz
06./07. Juni 2016 – Brünn (CZ) – 2 x 5. Platz
17.-19. Juni 2016 – Slovakiaring (SK) – 2 x 2. Platz
22.-24. Juli 2016 – Rijeka (HR) – 2 x 4. Platz
05./06. August 2016 – Red Bull Ring (AT) – 6. und 5. Platz
20./21. August 2016 – Rupert Hollaus Gedächtnisrennen – 6./4. und 3. Platz
02./04. September 2016 – Hungaroring (HU) – 2 x 4. Platz

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3 thoughts on “„Ich freue mich am meisten, wenn sich andere mit mir freuen.“

  1. Jonny

    Super gemacht und es gibt keinen dem ich es mehr gönne als dem Robert, was er diese Saison abgeliefert hat, besonders am RedBULL Ring im Regen, dass war erste Sahne, da hätte ich nie gegen ihn eine Chance gehabt und wenn es noch ein paar Runden gegangen wäre, er hätte gewonnen, da bin ich mir sicher. Und einen Lenzer im Regen zu packen, dass haben noch nicht viele geschafft.

    Jonny

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      • Cipo

        Du warst immer schon ein schneller Fahrer, aber in 2016 bist Du nochmals über Dich hinausgewachsen. Deine sensationelle Runden am Red Bull Ring waren schon beeindruckend, aber noch mehr beeindruckt hat mich die Tatsache, das Du im Verlauf der Saison 2016 der Spitze im Boxercup immer nähegekommen bist. Zudem bin ich fest davon überzeugt, und ohne dabei die Leistungen der anderen Fahrer schmälern zu wollen, dass Du, wenn es noch 2 – 3 Rennen in 2016 gegeben hätte, sich die Herren Bernd Reichhuber und Klaus Hesslinger bedenklich hätten umdrehen müssen, denn Du hast komplett zur Spitze aufgeschlossen.
        Aber es ist noch viel mehr.
        Zwischen den Race – Runden freue ich mich immer über den “Freund Robbox”, der stets völlig relaxt in unserer Box immer allerbeste Laune verbreitet.
        Ich bin sehr stolz, mit Dir im Team “Scrambler” sein zu dürfen, gratuliere Dir zum 3. Platz im Boxercup, und den hast Du Dir wirklich verdient.

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